Vor

In meiner langjährigen Praxis als Autodidakt auf diesem Instrument habe ich Informationen verschiedenster Art über die Schrammelharmonika gesammelt. Nachdem ich inzwischen an die 50 Instrumente gesehen, zerlegt, gestimmt, repariert und nicht zuletzt gespielt habe, möchte ich auch meine eigenen Erfahrungen und Schlussfolgerungen der interessierten Öffentlichkeit nicht vorenthalten.

Walther Soyka, 2001


 

Die Technik

 

Diskant:

chromatisch, 2chörig, 104 Zungen (G-b'''), Schwebung 6Hz-0.25Hz.

 

Die Stimmplatten sind aus weichem Messing, die Zungen aus Schwedenstahl (hinten brüniert).
Weil die Stimmplatte rundum auf Schaflederstreifen aufliegt (Dichtung) und auch das Rückschlagventil aus Leder ist, ist der eigentliche Klangerzeuger vom Kanzellenkörper gänzlich getrennt und kann fast ungedämpft frei schwingen. Eine Verbindung besteht nur durch einen Nagel unten und einen Schraubhaken oben.

Der Klang ist möglicherweise der Geige, sicher aber der kehligen G-Klarinette nachempfunden. Tatsächlich hört man auf eine gewisse Distanz, bzw. auf alten Schellacks, kaum einen Unterschied.

Bei Mehrstimmigkeit (die enge Lage erlaubt ja Akkorde innerhalb von mehr als drei Oktaven), erlebt man ein samtiges, eher mittiges Klangbild, das - korrekte Stimmung vorausgesetzt - von der Unhörbarkeitsgrenze über sanftes Murmeln bis zum fünfstimmigen Trompetenorchester extreme Dynamik erlaubt.

Beim Mischen sind die Schlüsselfrequenzen bei 650-800Hz bzw. 4,2kHz.

 

Bass:

"diatonisch", einchörig, 60 Zungen.

Von "limited" zu sprechen (s. Mirek) ist durchaus korrekt - zwar sind durch Kombinationen sehr viele Akkorde möglich, aber Wechselbass ist vielfach nur durch Balgwechsel zu erreichen. Somit drängt sich die Vermutung auf, dass dieses System nie als zur Begleitung dienend gemeint war, sondern vielmehr als allgemeine Erweiterung des Tonumfangs bei geringstmöglichem Platzbedarf. Als reines Ensembleinstrument definiert ist die Schrammelharmonika also mit diesem Bassystem viel leistungsfähiger als herkömmliche Arrangements das vermuten lassen.

 

Balg:

9 Falten aus Lederpappe. Eckverbindung metallfrei (lackiertes Leder). Innen sind, zur Diskantseite weisend, Buchen- oder Birkenholzstreifen aufgeklebt, die entweder der Versteifung oder, wie ich eher glaube, der Klangdämpfung dienen.

Der Balg ist mit 4cm Fichtenholzrahmen versehen, die mittels Klapphaken am Bass- bzw. Diskantkorpus befestigt sind. Somit ist das Öffnen des Instrumentes eine Sache von 4 Handgriffen.

Mir ist der Balg viel zu kurz, darum habe ich einen mit 10 Falten machen lassen, ihn in der Mitte auseinandergeschnitten und einen Weichholzrahmen eingesetzt (s.Foto oben). Der hat auch nicht lange gehalten, darum liess ich noch einen mit 15 Falten und 2 Rahmen bauen (Vorbild Bandoneon). So funktioniert's.

 

Mechanik:

Das ältere System (Budowitz, Kuritka und einige anonyme): die Feder steckt in einem Schlitz am Hebel und schleift an einer durchgehenden Ausnehmung an der Unterseite des Daumenbretts. Die Feder kann sich seitlich bewegen, sie kratzt dann evtl. an der seitlichen Hebelführung, was zu Nebengeräuschen führt. Mit einem Handgriff ist aber eine kleine Holzplatte an der Unterseite des Griffbretts entfernt, dann kann man die Feder wieder geraderücken.

 

Nach 1900: Reisinger, Trimmel, Hochholzer und anonyme schrauben die Feder am Daumenbrett an, sie schleift am Hebel. Das System ist stabiler, aber träger, weil die Feder kürzer und daher dicker und strenger ist.


 

Die kurze Geschichte der Schrammelharmonika

Um 1850 erfand der Wiener Musiker F. Walther das System der chromatischen Tonanordnung in drei Reihen.

Das schreibt Walter Maurer in seinem Buch Accordion (Wien, 1983, vergriffen), meine Frage nach der Quelle dieser Information beantwortete er nicht.

 

Diese Abbildung stammt aus Alfred Mireks Reference Book on Harmonikas
( Moskau, 1992), und er schreibt dazu:

G. Mirwald's Accordeon.
In 1891 a new thought of button-set system on the right keyboard set was proposed by the mechanic G. Mirwald by name in the City of Zelitue, Bavaria. The buttons of chromatic order were arranged in the askew trasversal
(?) way and three buttons in a row. All in all three vertical lines of the buttons could be observed. Such a button-set system was called "The Viennese System".On squeezing and releasing the bellows the sounds were not changed. Nevertheless the limited major accompaniment remained on the left side (later it was unificated by the italian mechanics, their system having been developed by that time already.)

In anderen Artikeln nennt er den Bayan als Weiterentwicklung des Wiener Systems bereits um 1890, bzw. datiert die Entwicklung des Wiener Systems auf 1880.

Soweit die fragwürdigen Informationen, die in Schriftform existieren.


 

Anfang

Seit 1870 spielten die Geiger Johann und Josef Schrammel in Georg Dänzers Quartett (ein hervorragender G-Klarinettist) zusammen mit Anton Strohmayer an der Kontragitarre. Man spielte Ländler, Polkas und die legendären alten Tanz. 1872, im Jahr des großen Börsenkrachs und einer darauf folgenden weitreichenden "Zurück zur Natur"-Bewegung, (der Wiener resigniert gern ;-)) hieß die exakt selbe Besetzung "Die Schrammeln", nachdem die beiden Geiger ihre Studien beendet und den Wunsch nach Karriere in der Hochkultur aufgegeben hatten. Sie bereisten ganz Europa und näherten durch Virtuosität und strengen mehrstimmigen Satz die Volksmusik der "Klassik" an. Johann Strauss Sohn und Kronprinz Rudolf waren bekennende Fans, wo sie spielten, war ausverkauft und sie erfanden den Musiktourismus in seiner heutigen Form: was heute der Buschauffeur in Grinzing, waren damals die Fiaker.
1890 starb Georg Dänzer, und aus Mangel an guten Klarinettisten ersetzte ihn Anton Ernst, ein Cousin von Johann Schrammels Frau und der erste bekannte "Schrammel"-harmonikaspieler. Von ihm sind keine Kompositionen, aber mehrere sehr gute Arrangements und eine Harmonikaschule erhalten.

Ein vermutlicher Vorfahre der Schrammelharmonika ist ein dreireihig diatonisches Instrument (B-Es-As), das 1872 gebaut wurde (anonym) und am unteren Ende durch die beiden fehlenden Halbtöne erweitert wurde (kein Umbau feststellbar). Daraus schließe ich, dass schon zu dieser Zeit Bedarf nach chromatischer Bereicherung der an sich diatonischen österr. Volksmusik bestand. Es muss aber sehr kompliziert gewesen sein, die Halbtöne sinnvoll einzusetzen, zumal sie nur je einmal vorhanden waren.

Ein Grazer Musiker besitzt, wie ich hörte, eine Schrammelharmonika, die 1874 von Walther gebaut wurde. Ich habe sie selbst noch nicht gesehen.

Hingegen sind mir etliche Instrumente von Karl Budowitz begegnet, sie wurden im Zeitraum von 1882 bis 1925 gebaut. Bei allen ausser einem wurde (vermutlich von Franz Kuritka) das ursprünglich schwarz politierte Holzgehäuse mit Bakelit verkleidet und mit einer schwarzen Kunststoffolie mit weissen Kanten versehen.
Die älteste Schrammelharmonika, die ich selbst gesehen habe (und besitze), ist eine Budowitz von 1889. Sie wurde in den 1950er(?) Jahren umgebaut, und zwar wurden am unteren Ende der chromatischen Skala drei Töne hinzugefügt, so dass das Instrument nunmehr einen Tonumfag vom G bis zum b''' hat.
In gleicher Weise wurde die zur Zeit "älteste", von 1882, umgebaut, die im Besitz eines Wiener Sammlers ist.
Auch eine Budowitz von 1891, die mir der Maler, Komponist und Akkordeonist Karl Hodina dankenswerterweise schenkte, gehört dazu. Sie hat allerdings ausserdem reguläre Akkordeonbässe (Grundton, Terz, sowie Dur-, Moll- und Septakkorde) erhalten.

In Wien nennt man das Instrument bis heute "Budowitzer", wer nachfragt, kriegt ein gemaultes "na, die Knöpferl halt" zu hören.
Ich behaupte hiermit, dass Karl Budowitz, als Zweitnamensgeber, der wahre Erfinder der Schrammelharmonika ist.
Auch über ihn ist mir nichts näheres bekannt, sein Name deutet auf tschechische Vorfahren hin. Und die Tschechen, das weiss man ja, haben nicht nur einen Haufen Instrumente, sondern die Musik ganz allgemein erfunden ;-).

 

Der Boom

Nach dem frühen Tod der Brüder Schrammel 1891 und 1892 (zur Weltausstellung in Chicago fuhren Substituten) war der Bedarf an Schrammelmusik bereits enorm. Durch sie hatte Wien eine "eigene" Musik bekommen, die sich, einem Schmelztiegel entsprechend, aus volkstümlichen Stilen der gesamten Monarchie zusammensetzte.

Da war der "Runde", als Ländler aus dem oberen Donauraum bekannt;
da waren die "Tanz" (im Singular mit dunklem a), höfische Menuette, ungarisch-virtuos zelebriert;
es gab unzählige Militärmärsche, von den Schrammeln zu weinselig torkelnder Gassenhauerei missbraucht;
und an Liedern aller Art gab es in Wien ohnehin nie Mangel.

Schrammel- und Lanner-Quartette gab es zuhauf, die Harmonikamacherei boomte.
Zwei Generationen Reisinger, Hochholzer, Trimmel, Pospisil, Regelstein & Raab, Kuritka, Barton sind neben Budowitz zu nennen, dazu eine unbekannte Zahl von Handwerkern, die, vermutlich aus gewerberechtlichen Gründen, ihre Namen geheimhielten.

Auf Schellacks ist die Musik jener Zeit dokumentiert, es gibt einige hundert Aufnahmen, kaum jemand hat aber eine Schrammelharmonika Solo gehört - Ausnahmen: Rudolf Strohmayer, Rudolf Kemmeter und Josef Mikulas.
Zusammen mit seinem Bruder, dem Geiger und Komponisten Karl Mikulas und dem virtuosen Kontragitarristen Franz Kriwanek hinterliess dieser die letzten - und mit die besten - Schellackaufnahmen von Wiener Instrumentalmusik. Von ihm stammen, neben einer Schule für Schrammelharmonika, die einzigen relevanten Arrangements - beinahe alles andere ist als reine Dokumentation der Melodien zu verstehen. Mikulas gibt genaue, oft bildliche Tempoanweisungen, er notiert die Interpretation und ohne Taktstriche, wenn nötig, er hat hunderte Stücke komponiert, die nach ihm niemand mehr spielen konnte (Vitamin Qu, Feuchtfröhliche Heimkehr, Die Katz' am Käfig, Zeigefinger-Polka, ...). Mikulas' erste Aufnahmen stammen aus den 1920er Jahren, bis in die späten 50er war er u. a. bei der Wien-Film aktiv und hat noch fast taub als über 70jähriger Aufzeichnungen gemacht, die heute als unschätzbare musikalische Dokumente unter uns "jungen" kursieren. Sein letztes Werk, "Am alten Katzensteig" beschäftigte ihn fast 20 Jahre. Ihm gelang, was ich laienhaft als "polyphone Volksmusik" bezeichnen würde.

"Der Mikulas kommt im Zirkus gleich nach den Messerwerfern", formulierte Edi Reiser, jahrelang als Kontragitarrist mit Karl Hodina im "Packl" zu hören.
Hodina selbst erzählt gern die Anekdote vom ebenfalls virtuosen Harmonikaspieler Rudolf Kemmeter, der einmal gefragt wurde, was er denn an seinem freien Abend tue. Der sagte: "Dann pilger' ich nach Grinzing, wo der Herr Mikulas spielt." "Aha", sagte der Frager, "und da spielen sie dann mit ihm?" "Nein, nein! Mit dem HERRN Mikulas kann niemand mitspielen!".

Im zweiten Weltkrieg hat sich die nunmehrige Wienermusik mit ihren Interpreten, angeekelt von Größenwahn und präziser Gründlichkeit, in die hintersten Hinterzimmer der verstecktesten Buschenschanken zurückgezogen, und erst seit einigen Jahren lässt man sich, wiederwillig, in die Karten schauen. Damals wie heute ist jedenfalls undenkbar, die Wiener "Volks"musik für irgendwelche politischen Gruppierungen zu instrumentalisieren.
Wer sich dafür hergibt, bringt die Wienermusik und damit auch die Wiener in Verruf.

 

Das Ende

Bis gegen 1954 hat Franz Kuritka erstklassige Harmonikas gebaut, er war Lehrling und Nachfolger von Regelstein & Raab. Er nannte seine letzten Instrumente "Schrammel- und Jazzharmonika", im Kontrast zu der von Reisinger jun. verwendeten Bezeichnung "Concertharmonika". Damit versuchte er, vermutlich auf Anregung von Musikern, auf eine weitere stilistische Wende einzugehen, die aber mit keinem bekannten Interpreten zu verknüpfen ist. (Josef Mikulas widmete ihm einen seiner unzähligen Märsche: "Franz in allen Gassen")

Die letzten Schrammelharmonikas, die meines Wissens gebaut wurden, stammen von Josef Barton und aus 1967 bzw. den 1970er Jahren. Sein letztes Instrument war 1985 unspielbar, er hatte vielleicht zu junges Holz verwendet. Als Restaurator und Stimmer von unzähligen Instrumenten hat er sich einen ganz besonderen Sonderplatz im Schrammelhimmel verdient - er ist seit 2000 in Pension und neigt leider zur Vergesslichkeit.

 

Die Gegenwart


2001 gibt es in Wien, auf Dachböden, in Kellern, bei Großmüttern oder auf Flohmärkten einige hundert funktionstüchtige Schrammelharmonikas sowie etwa 25 MusikerInnen, die sie bedienen können.
Was es nicht gibt, ist ein Harmonikamacher, der in der Lage wäre, die Instrumente kunstgerecht zu restaurieren.

In seiner kaum sechzigjährigen Geschichte hat dieses Instrument sicher mehrere tausend Musiker und einige hundert Handwerker ernährt. Es hat eine reiche Vergangenheit, und es könnte eine reizvolle Zukunft haben.


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